Soziale Kinder- und Jugendarbeit e.V.

 

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SAJ — Falken — Jugendheimstätten
 

Im Keller des Gymnasiums an der Schulstraße hatten sich die Falken Anfang 1950 selbst einen Gruppenraum hergerichtet. In der Mitte, mit Gitarre, Arnold Spicker, rechts hinten Hermann Siepmann jr links in der Ecke Walter Krahlisch.

Ernst Gnoß war Jugendsekretär, als er im Februar 1930 zum Jubiläum der „Volksstimme” schrieb, die Arbeiterjugendbewegung im Verbreitungsgebiet dieser Zeitung (Duisburg, Mülheim, Dinslaken, Wesel, Moers und Rees) könne auf ihr zwanzigjähriges Bestehen zurückblicken. „Im Jahre 1910 war es, als unter der Leitung des Genossen Schluchtmann, damals Parteisekretär in Duisburg, die Bewegung zunächst in Duisburg ihre ersten Streiter sammelte und sich bald zu einer kraftvollen Organisation entwickelte. In den Orten Hamborn, Mülheim, Oberhausen und Moers wurden bald darauf ebenfalls von Partei und Gewerkschaften in Verbindung mit der Jugend die „Jugendausschüsse” gegründet, und im August 1914 waren in diesen Orten zusammen 750 Leser der Zeitschrift ,Arbeiterjugend' vorhanden”.

Während des Krieges, so berichtet Ernst Gnoß weiter, sei die Jugendbewegung der Arbeiterschaft „auseinander gefallen”. Von Duisburg aus sei „unter Führung der späteren Kommunistin Rosi Wolfstein wesentlich zur Spaltung der niederrheinischen Arbeiterjugend beigetragen” worden. Die große Mehrheit aber sei bei der Arbeiterjugend geblieben. Auch nach der Spaltung hätten an einem Jugendtag der Arbeiterjugend im Jahre 1917 etwa 600 Jugendliche teilgenommen. „Bis zum Kriegsende ist dann die Arbeit wohl in allen Orten ganz eingeschlafen”. Im Frühjahr 1919 sei mit der Aufbauarbeit wieder begonnen worden. Die Bewegung sei von Jahr zu Jahr gewachsen.

Ernst Gnoß hob die Mitwirkung der SAJ bei den großen Feiern der SPD hervor, mehr aber, dass bei der Arbeit der sozialistischen Jugend zum Ausdruck komme, wie sehr man erkannt habe, dass der junge Mensch als Persönlichkeit mit starkem Eigenleben zu werten sei. In welcher Weise die Jungen und Mädchen von damals die vielfältigen Aktivitäten in der Arbeiterjugend selber miterlebt haben, das geht aus zahlreichen Interviews dieses Buches hervor. Während der NS-Zeit und im Kriege ruhte das alles.

Im Jahre 1945 aber schickte sich die Sozialistische Jugend zum Neuaufbau an. Als politische Jugend besaß sie zwar noch nicht die Zulassung der Militärregierung, aber im August bereits begannen alte SPD-Mitglieder, die sich früher um die „Kinderfreunde” gekümmert hatten, eine neue Kinder- und Jugendarbeit. Am aktivsten waren, noch bevor die „Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken” offiziell gegründet werden konnte, Walter Krahlisch, Willi Lies, Rudolf Zimbehl und Heini Hauk. Sie nahmen sich der Kinderarbeit an. Die Geschwister Börnicke betreuten die 15- bis 18jährigen. Das Ganze lief zuerst unter dem Namen „Naturfreunde”. Die Bezeichnung „Kinderfreunde” wurde überhaupt nicht wieder aufgenommen.

Eine Gruppe der Falken bei der Eröffnung des Jugendheims „Falkenhorst” an der Tinkrathstraße im Jahre 1955.

Die „Naturfreunde” versammelten sich anfangs einmal in der Woche in der Turnhalle der Schule an der Eduardstraße, Kinder und Jugendliche in getrennten Gruppen. Margarete Roes erinnert sich aber auch an eine Sonntags-Wanderung im August 1945 über den Auberg zur Sternwiese. Dort hatten Frauen der Arbeiterwohlfahrt eine Erbsensuppe gekocht. Etwa 50 Kinder wurden verpflegt.

Die offizielle Gründung der „Naturfreunde” muss im Dezember 1945 stattgefunden haben. Das geht jedenfalls aus den Protokollen des Unterbezirks-Vorstandes hervor. Danach meldete sich Rudolf Zimbehl in einer Funktionärsversammlung mit der Nachricht zu Wort, dass am Samstag, 15. Dezember 1945, im Gewerkschaftshaus die Gründungsversammlung der „Naturfreunde” stattfinde. Er bat die Funktionäre, um einen starken Besuch der Veranstaltung bemüht zu sein. Zimbehl war zunächst auch derjenige, der in den Sitzungen regelmäßig „über den Aufbau der Jugendorganisation” berichtete. Wie häufig in Protokollen, wird auch hier zwar diese Tatsache berichtet, nicht jedoch, worin dieser Aufbau bestand und wie weit er gediehen war.

Als Heinrich Thöne aber ein Jahr nach Kriegsende einen ersten großen Rechenschaftsbericht über die gesamte Arbeit des SPD-Unterbezirks Mülheim gab, ließ er erkennen, wie klar ihm die Schwierigkeiten gerade des Aufbaus der Jugendorganisation war. „Die Jugendfrage ist im Bezirk wie am Ort ein brennendes Problem”, sagte er. „Unsere Jugend ist durch das nationalsozialistische System jeder demokratischen Einstellung entfremdet worden. Man hat sie erzogen und gedrillt in militärischem Geist. Sie ist geübt in Gewalttätigkeit und erzogen zu Kadavergehorsam. Hier ist noch eine große Aufgabe zu lösen. Gerade in der heutigen Zeit, bei den schlechten Ernährungs- und Wirtschaftsverhältnissen, ist es sehr schwer, die Jugend in demokratischem Sinne zu erziehen. Sie erkennt nicht, dass die augenblicklichen furchtbaren Verhältnisse zurückzuführen sind auf das alles zerstörende Gewaltsystem der Hitlerzeit. Die Umerziehung der Jugend bedingt viel Duldsamkeit und muss Schritt für Schritt voran getragen werden. Die Jugendführer, die sich dieser Aufgabe in der Zukunft widmen, müssen große Erfahrung und Schulung mitbringen. Wir glauben, dass gerade die Sozialdemokratische Partei berufen ist, hier führend mitzuwirken. Wir haben einen Teil der Jugend in der Gruppe Naturfreunde zusammengefasst und halten wöchentlich zwei Schulungsabende ab. Spiele, Volkstänze, Turnübungen, verbunden mit Film- und Schulungsvorträgen füllen diese Abende aus".

Von Fritz Denks, dem späteren Bürgermeister und Landtagsabgeordneten, war zu erfahren, dass die größte Schwierigkeit, überhaupt mit demokratischen Gedanken an die Jugend heranzukommen, sich aus der totalen Erfassung der jungen Menschen während der NS-Zeit ergab. Man könne Politik nicht an eine Jugend heranbringen, die von Politik noch nichts erlebt habe, sondern nur die HJ kenne. Es sei Aufgabe der Politiker, sich geistig auf die Jugend einzustellen, die nichts mehr von demokratischen Idealen wisse und nichts mehr von der Weimarer Republik kenne. Denks: „Es ist unsere Aufgabe, den jungen Menschen in seiner seelischen Not zu erkennen und ihm zu helfen. Er lässt sich nicht von heute auf morgen auf andere Ideale umstellen. Wir müssen zu dieser Umstellung viel Erfahrung und Geduld mitbringen”.

Ausführlich angesprochen wurde die Problematik, die sich durch den Mangel an politischer Ansprechbarkeit der Jugend ergab, in der bereits erwähnten großen Kundgebung, für die die Firma Tengelmann in Speldorf ihren Tagesraum zur Verfügung gestellt hatte. Referent Serfort meinte, man habe zu schnell ein Urteil über die Jugend gebildet, ohne nach den tieferen Ursachen für ihre Einstellung zu suchen. Die Jugend habe im Nationalsozialismus gar nicht anders empfinden können, als sie es getan habe. Sie habe geglaubt, sei leichtgläubiges Opfer geworden. Man müsse jetzt für fast die gesamte Jugend eine Generalamnestie fordern. Und „wir müssen ihr wegweisend vorangehen”. Ein Diskussionsredner wandte sich allerdings gegen die Verwendung des Begriffes Generalamnestie in Bezug auf die Jugend, denn das bedeute die Voraussetzung einer Schuld. Die Jugend habe sich aber nicht schuldig gemacht. „Ich habe keine andere Erziehung als die der Nazi-Weltanschauung kennen gelernt, und dann war ich fünf Jahre beim Militär”. Und so sei es der gesamten Jugend ergangen.

Jetzt steht sie abseits, und das sei verständlich. „Ist es anders möglich, nachdem sie so betrogen worden ist?” Ihr müsse ein neuer Weg gewiesen, eine geistige Umerziehung angeboten werden.

Die Jungen und Mädchen, die die „Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken” bildeten, hatten die NS-Zeit kaum alle mit einem Bewusstsein erlebt, das man nur bei Erwachsenen voraussetzen kann. Dafür waren sie zu jung. Die Falken haben folgende Altersgruppen: Nestfalken bis zu zehn Jahren, Wanderfalken bis zu zwölf Jahren, Sturmfalken bis zu 16 Jahren, und wer älter war gehörte in die Sozialistische Jugend. Die Falken bilden einen vereinsrechtlich selbständigen Jugendverband. Die Gründung erfolgte, wie Günter Weber berichtet, am 1. Juni 1946.

Man trennte sich von den Naturfreunden, wohl weil sie politisch weniger oder different orientiert waren. Aber auch ihre Organisation lebte weiter und blühte auf. Die Entstehung des Naturfreunde-Hauses am Böllrodt ist ein Beweis dafür. Die Falken führten bereits im Sommer 1946, also praktisch zur Zeit der Gründung, auf der Sternwiese das erste Zeltlager durch. Für die Mädchen gab es zwei Rundzelte, mit Stroh ausgelegt; je 20 Kinder schliefen darin. Die Jungen „wohnten” im nahe gelegenen Haus bei „Opa Senk” auf dem Heuboden. Günter Weber war dabei. Er erinnert sich gerne an die Mahlzeiten, die Herta Driskes kochte; das Essen wurde von den Jungen in einem großen Waschbottich auf einem Leiterwagen ins Lager geholt. Er erinnert sich aber auch, dass Heu und Stroh wohl nicht die beste Lagerstatt waren, der Schengerholzbach als Waschplatz für Körper und Geschirr sich als problematisch erwies. Aber schön war's doch – für jeden, der jung war.

Einweihung des Heims Nordstraße, Februar 1959. Vorn Günter Weber, Heinrich Thöne, Otto Striebeck, im Hintergrund Heinrich Sporleder, Jugendamtsleiter Reimer, Oberstadtdirektor Heinz Heiderhoff, Hans Persy (Mitte), Hermann Siepmann jr., Alexander Sieder.

Bis Ende 1946 waren so viele Kinder und Jugendliche den Falken beigetreten, dass die Turnhalle Eduardstraße sich als zu klein erwies. Jetzt traf man sich in den einzelnen Ortsteilen. Klassenräume in den Schulen und Hinterstuben in Gaststätten waren die ersten Treffpunkte.

Es gab noch nicht viele Helfer, die sich um die Kinder- und Jugendgruppen kümmerten. Hauptsächlich reiste Walter Krahlisch von einem Vorort zum anderen, um die einzelnen Gruppen zu betreuen und neue Helfer anzuleiten. „Mit ihm stand und fiel die ganze Kinderarbeit in den ersten Jahren”, sagen Günter und Christel Weber. Sonntags wurde gewandert. Treffpunkt Stadtmitte. Eine Straßenbahn war gechartert, und immer zwischen 50 und 100 Kinder fuhren bis zum Auberg oder in den Uhlenhorst. Ziel der Wanderungen war die Sternwiese.

Mit der Zeit entwickelten sich zwei Schwerpunkte der Falkenarbeit, und zwar in Heißen und in Stadtmitte. Die Gruppen in der Stadtmitte unter Leitung von Arnold Spicker, der auch Vorsitzender der Falken wurde, trafen sich in Kellerräumen der Oberrealschule an der Schulstraße. Bernhard Witthaus, damals Stadtdirektor, hatte diese Unterkunft für die Jugendgruppen beschafft. Umgebaut, angestrichen und gesäubert wurde alles von den Mitgliedern.

Die Gruppen von Heißen trafen sich im Warteraum der Fürsorgestelle am Friedhof Heißen. Diese befand sich in einer alten Baracke, die aus dem ersten Weltkrieg stammte: Heinrich Lemberg hatte ein gutes Wort für die Jugend eingelegt, damit sie dort „einziehen” konnte. Die Kontakte zur SPD Heißen und Holthausen waren überhaupt sehr eng. Bei Maifeiern, geselligen Veranstaltungen und bei der Wahlarbeit wirkten die Falkengruppen aktiv mit. Laienspiele, Volkstänze, Gesang, Sprechchöre waren fester Bestandteil bei allen Feiern.

Der Mittwoch war der bevorzugte Trefftag, weil dann die Fürsorgestelle geschlossen war. In der Mitte des Raumes stand ein großer Kanonenofen. Im Laufe der Woche wurde er als Abfalleimer für Medikamentendosen und Mullreste genutzt. Geheizt wurde der Warteraum normalerweise nicht. Einige Mütter gingen aber abwechselnd, mehrere Stunden, bevor die Gruppen tagten, mit Kohlen und Holz in die Baracke, um einzuheizen. Das war auch zur damaligen Zeit in Heißen kein Problem, da viele der Väter Bergleute waren.

Als einzige Sitzgelegenheit existierten vier Gartenbänke. Nach und nach wurden in der Baracke fremde Möbel abgestellt und später sogar Kohlen gelagert. Der Platz für die jungen Leute wurde immer enger.

In den Aufzeichnungen des SPD-Unterbezirks wird die Gründung der Falken nicht erwähnt. Diese Unterlagen erwecken den Eindruck, als seien die Falken nach dem Kriege „einfach da” gewesen. Das wirkt so, als wäre es wie selbstverständlich zur Kenntnis genommen worden, dass es sie gab. Zum ersten Mal ist in den Protokollen am 4. Januar 1947 von ihnen die Rede — zu einem Zeitpunkt also, als Heinrich Thöne über die erste Kommunalwahl berichtet: „Was den prozentualen Stimmenanteil betrifft hat die SPD Mülheim im Bezirk am besten abgeschnitten.”

Dass die Falken zu diesem Zeitpunkt schon voll aktiv und voll organisiert waren, wurde schon gesagt. Es geht auch daraus hervor, dass der erweiterte SPD-Vorstand beschloss, ihnen für ein am 19. Januar 1947 stattfindendes Bezirkstreffen 100 Reichsmark zur Verfügung zu stellen und die Genossen Denks und Gröschner als offizielle Delegierte der Partei an dem Jugendtreffen teilnehmen zu lassen. Mitte Februar desselben Jahres führt Heinrich Thöne einen Beschluss herbei, wonach den „Falken” 500 Mark über-lassen wurden; was sie damit und mit weiteren finanziellen Mitteln aus der SPD-Kasse machten, darüber sollten sie „von Zeit zu Zeit” dem Vorstand berichten. Es gab immer wieder Treffen auf der Sternwiese, ein beliebtes Falkenlager in Hünxe, und „die Jugend”, wie die Falken gerne von den älteren Genossen genannt wurde, ließ sich überhaupt viele Aktivitäten einfallen. In den Jahresversammlungen des Unterbezirks berichtete anfangs „Gen. Börnicke” darüber, später Arnold Spicker jr. „Gedeih und Verderb der Bewegung hänge davon ab, ob es gelinge, den „Falken” die notwendige Hilfe zu geben, sagte er und appellierte an die Mitglieder der SPD, sich der Jugend anzunehmen. Mit Hilfe meinte er damit nicht allein materielle Hilfe, für die er sich hin und wieder bedankte, sondern vor allen Dingen „Helfer”, die der Jugend zur Verfügung stehen sollten. Auch machte er darauf aufmerksam, dass sich die Falken-Mitgliedschaft zwar aus allen möglichen Schichten der Bevölkerung zusammensetze, dass aber die SPD-Genossen selber ihre Kinder ebenfalls in die Falkenbewegung schicken sollten. Die Möglichkeit, in den Reihen der Jungsozialisten Helfer zu finden, die sich um die Jugendarbeit der „Falken” kümmerten, wurde im Sommer 1951 erwogen. Das Sekretariat wurde aufgefordert, eine Liste derjenigen Mitglieder aufzustellen, die als Förderer der Falken infrage kämen.

Der Anfang scheint auch den Akten nach für die „Falken” jedenfalls ziemlich schwer gewesen zu sein, aber sie schafften es, sich als die jüngste Mannschaft der SPD zu etablieren und einen Ruf zu verschaffen. Bald beantragten sie 300 DM beim Unterbezirk, um die Mülheimer Delegierten beim Jugendtag in Hamburg in Falkenkluft erscheinen zu lassen, wozu ihnen eigene Mittel fehlten. Und wenn auch dafür in der Kasse des Unterbezirks kein Geld war, so wurde bei den SPD-Mitgliedern doch sofort eine Sammlung gestartet, die den „Falken” die Erfüllung ihres Wunsches möglich machte.

Es blieb nicht der einzige Wunsch. Arnold Spicker jr. machte die Väter insbesondere darauf aufmerksam, dass ein Jugendheim für die „Falken” geschaffen werden müsse. Gegebenenfalls ließe sich, wenn ein Gebäude für die Sekretariate der Partei und der Arbeiterwohlfahrt gefunden oder geschaffen werde, dort auch das Heim für die Jugend unterbringen. Von den Überlegungen zu einer Jugendweihe Ostern 1952 und den Falken-Diskussionen der damaligen Zeit über eine jugendmäßige Neugestaltung von Weihnachtsfeiern bis zu den beliebten, bunten, stark besuchten Kinder- und Jugendfesten auf der Stadthallen-Terrasse aus jüngerer Zeit: die „Falken” machten immer wieder von sich reden.

Wie schon erwähnt, war der Platz, der den Falken in der Baracke am Heißener Friedhof zur Verfügung stand (im Volksmund wurde sie gelegentlich „Franzosenbaracke” genannt; es ist anzunehmen, dass es sich um die Baracke handelte, in der die Heißener Frauen, wie Maria Bröker in ihrem Interview berichtet, zum ersten Mal wählen durften), bald viel zu klein. Die dortige Jugendgruppe unter Leitung von Günter Weber beriet, was man machen könnte, denn die Arbeit der Gruppen wurde durch die Raumnot behindert und drohte zurückzugehen.

Eine Abordnung der Jugendgruppe suchte daraufhin den Stadtverordneten Heinrich Lemberg auf, trug das Problem vor, und lud ihn zur Besichtigung ein. Lemberg kam, sah sich die Sache an und versprach Hilfe. Die jungen Leute erzählten von ihrem Traum, ein eigenes Haus zu haben, in dem man nicht nur mittwochs, sondern öfter tagen könnte. Man hatte schon gute Vorstellungen, wie ein solches Haus aussehen und wie es genutzt werden könnte.

Beim Parteivorsitzenden und Oberbürgermeister Heinrich Thöne fand Lemberg schließlich ein offenes Ohr mit der Anregung, der Jugend ein eigenes Haus zu bauen; ebenso beim Parteivorstand. Eine erste Informationsveranstaltung fand statt, an der Vorstandsmitglieder der SPD, der AWO und der Falken teilnahmen. Dann gründeten elf Mitglieder am 11. Dezember 1953 den „Verein Sozialistischer Jugendheimstätten e.V.”

Die erklärte Absicht, ein Jugendheim in Heißen zu errichten, stieß zunächst auf erhebliche Schwierigkeiten, weil die nötigen Mittel fehlten. Mit einer ungewöhnlichen Solidaritätsaktion wurde diese Hürde überwunden. Bei Genossen und Freunden wurden Bausteine verkauft. Die Falken putzten tausende, aus Abbrüchen stammende gespendete Ziegelsteine. Arbeitsdirektoren beschafften, mit Zustimmung und Unterstützung der jeweiligen Betriebsräte, Baumaterialien wie Zement, Moniereisen, Heizungsanlagen. Architekt August Sand nahm für eine Arbeit kein Honorar, und der Anstreichermeister Fritz Heine hat neben guter Arbeit sicher Geld zugeschossen. Die Einweihung des Heißener Jugendheimes fand am 23. Oktober 1955 statt. Heimeltern wurden Friedhelm und Inge Wennmann. Von ihnen wurde, ebenso wie von den jugendlichen Benutzern, den damaligen Möglichkeiten entsprechend erwartet, dass sie das Haus mit dem geringsten Aufwand betrieben und instand hielten. Die Falkengruppen halfen beim Putzen und bei anderen Arbeiten. Die Heimeltern in diesem wie auch in den später erstellten Häusern standen, lediglich um den Preis einer freien Wohnung, jederzeit für Jugendgruppen, Parteiveranstaltungen und die offene Jugendarbeit zur Verfügung und übernahmen außerdem die Pflege der Häuser – sprich putzen.
 

Bei der Eröffnung des Saarner Heims: Heinrich Thöne, Arnold Spicker und Falken-Jugend.

Eine erhebliche Ausweitung der Heimleiteraufgaben brachte die Öffnung der Jugendheime auch für nichtorganisierte Jugendliche mit sich: als Heime der offenen oder teiloffenen Tür. Die Geschäftsführung des Vereins und damit die wesentliche Mitarbeit bei der Planung und Errichtung der weiteren Häuser übernahm der Vorsitzende der Falken, Arnold Spicker, ehrenamtlich.

Erst der allgemeine, wirtschaftliche Aufschwung ermöglichte es mit Hilfe langsam wachsender öffentlicher Zuschüsse viele Jahre später, nach und nach die Heimleitung hauptamtlichen Kräften zu übertragen.

Als der Verein Sozialistischer Jugendheimstätten 1978 das Jubiläum seines 25jährigen Bestehens feierte, erinnerte eine Festschrift an viele Tatsachen aus der Zeit der Gründung und an viele Erfolge aus den 25 Jahren danach. Das Jugendheim Tinkrathstraße, das sich auch „Falkenhorst” nannte, das Jugendheim Nordstraße in Oberdümpten, das Jugendheim Richard-Wagner-Straße in Speldorf und das Jugendheim an der Viehgasse in Saarn hatten, jedes auf seine spezielle Weise, die Satzung mit Inhalt gefüllt: „Der Verein wird der arbeitenden und lernenden Jugend Heime bauen und verwalten, um der Jugend die Durchführung von Gruppen- und Bildungsarbeit zu ermöglichen. In Erfüllung dieses Zweckes können die Jugendheime in ihren Anlagen als Erholungs-, Aufenthalts- und Übernachtungsstätten Verwendung finden. Gegenseitige Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Ordnung und Solidarität sollen in allen Einrichtungen des Vereins geübt und gepflegt werden.”

Heinrich Thöne, Arnold Spicker und Fritz Driskes sowie Kurt Peters als Kassenführer bildeten den ersten Vorstand. Dem Verein gehörten von Anfang an auch Bernhard Witthaus, Heinrich Lemberg, Fritz Denks, Otto Striebeck, Luise Foshagen und Marlies Rehfuss an. Arnold Spicker war bis 1. September 1972 Geschäftsführer; ihm folgte in dieser Eigenschaft Horst Büttner.

„Die Anfänge waren schön, sinnvoll und strapaziös zugleich”, berichtet Friedrich Wennmann, der als erster mit seiner Frau Inge die Leitung eines solchen Heimes, nämlich des Hauses an der Tinkrathstraße, übernahm und fast 15 Jahre lang beibehielt. Es war bei ihm, wie bei den vier anderen Heimleiter-Ehepaaren nachher auch, eine ehrenamtliche Tätigkeit. Heute ist das anders. Wennmann, der die „ersten Gehversuche” des Vereins mitgemacht hat: „Die Welle der Begeisterung hat mir diese Tätigkeit erleichtert.” Die Heimbesucher kamen auch mit ihren beruflichen, familiären, persönlichen Problemen zu ihm. Er beriet sie, er schuf ein größtmögliches Heimangebot mit geringstem Aufwand, er führte Gruppenabende und mehrwöchige Freizeiten durch, und das Ehepaar Wennmann nahm auch die Hausreinigung, die Pflege der Außenanlagen und die Versorgung der koksbetriebenen Heizung auf sich. „Wir haben das gern getan, weil wir an unseren Besuchern den Erfolg unserer Tätigkeit beobachten konnten.” Die Einweihungsfeier des Hauses Tinkrathstraße 68, die die Falken durch Rezitationen und Lieder selber mitgestalteten, gehörte gleich zu den Höhepunkten der Heim-Geschichte.

Am 15. Februar 1959 wurde das Jugendheim Nordstraße 77 feierlich eröffnet. Um die Errichtung dieses Gebäudes finanzieren zu helfen, hatten alle Mitglieder der SPD-Ratsfraktion seit Jahren auf ihre monatlichen Diäten verzichtet. Die Heimleitung übernahm mit überwältigendem Erfolg Günter und Christel Weber, beide aus der Falken-Jugend kommend. Gruppenarbeit, Kurse, Elternkontakte, Filmvorstellungen – so fing das an, und es ging auch über die Mauern des Heimes hinaus, etwa, wenn die Jugend bei Weihnachtsfeiern in Altenheimen und Altentagesstätten gebraucht wurde oder wenn die Kinder aus den in der Nähe liegenden Schlichtwohnungen integriert wurden. Überhaupt war an der Nordstraße zu spüren, dass sich eine gute Heimarbeit auch in der Nachbarschaft auswirkt; beispielsweise lässt sich das durch die Feinanalyse von Wahlergebnissen nachweisen. An der Nordstraße wird seit 1977 die Jugendarbeit in einem hochmodernen Neubau betrieben. Hauptamtliche Kräfte stehen dafür zur Verfügung.

Das Speldorfer Heim, Ecke Karlsruher Straße und Richard-Wagner-Straße, wurde am 15. April 1961 eingeweiht. Margarete und Hermann Roes, das Heimleiter-Ehepaar, betreuten Schüler, Auszubildende, Fach- und Jungarbeiter. Täglich kamen durchschnittlich 50 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 21 Jahren ins Jugendheim, das sie meist einfach „Richard” nannten. Heute wird das Haus – 150 Kinder und Jugendliche bilden den Besucherstamm – von vier pädagogischen und einem technischen Mitarbeiter betreut.

Das große und moderne Jugendheim an der Viehgasse in Saarn besteht seit 13. September 1964. Bei der Einweihungsfeier versprach Arnold Spicker, dass hier auf ein freiheitliches und tolerantes Denken der Jugend hingewirkt, dass die Jugend durch musische und geistige Gestaltung der Freizeit zu demokratischen Staatsbürgern erzogen werde. Helga und Hermann Siepmann leiteten das Heim in diesem Sinne mit viel Erfolg. Den Namen Heinrich-Thöne-Heim erhielt es, als Oberbürgermeister Thöne 75 Jahre alt wurde, im Jahre 1966. Die heutige Heimleitung hebt unter anderem hervor, dass das Haus als Alternative zu kommerziellen Einrichtungen einen hohen Stellenwert einnimmt.

In der Gegenwart wird die Arbeit in den Heimen des Vereins wissenschaftlich begleitet. Mit ehrenamtlichen Kräften ist sie längst nicht mehr zu schaffen. Die Häuser der „Sozialistischen Jugendheimstätten” fanden und finden eine gute Resonanz bei der Jugend Mülheims. Arnold Spicker teilte bereits 1965 mit, dass allein in einem Jahr in den Heimen 2000 Veranstaltungen durchgeführt und rund 40000 Kinder und Jugendliche betreut worden seien.

Dies alles gibt dem Verein recht in dem Bestreben, ein fünftes Heim im Mülheimer Stadtgebiet zu errichten. Vorgesehen ist dafür das Gelände Eisenstein/Leybankstraße in Heißen.

Die früheren ehrenamtlichen Heimleiter aus der „Steinzeit” der Sozialistischen Jugendheime, und zum Teil auch ihre Frauen, sind heute in politischen Funktionen tätig. Zeitweise wirkten sie wie eine Gruppe. Wenn sie von ihren Falken-Jahren erzählen, so handelt es sich um Jugenderinnerungen, an die sie gerne denken. Vorsitzender der „Sozialistischen Jugend Die Falken” ist in Mülheim heute Rainer Leuschner.

 

aus:

Demokratie vor Ort – Ein Lesebuch zur Geschichte der SPD in Mülheim an der Ruhr

März 1979

 

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